Von langer Hand geplant

Im INTERVIEW: Scheidender Tas Präsident Detlef Wilde klärt über den überraschenden Wechsel in der Vereinsführung beim Oberligisten auf +++ Bild: Mehmet Dedeoglu DEDEPRESS

Herr Wilde wie geht es Ihnen ?

Glücklicherweise gut, ich bin Corona Virus frei. Es ist in meinem Alter aber völlig normal nicht ganz beschwerdefrei zu sein.

Ist die Saison aufgrund der Krise noch zu retten ?

Wir erleben eine absolute Ausnahmesituation. Der Spielbetrieb lässt durch den Ausfall der  EM natürlich noch viele Spielräume nach hinten, vom Gefühl her denke ich aber eher:  Das war es.

Welche Regelung bevorzugen Sie bei einem Saisonabbruch ?

Auf jeden Fall darf es keine Absteiger geben. Diese Krise sollte nicht auch noch Verlierer hervorbringen. Dann lieber notfalls die Ligen aufstocken. Auch wenn für die  Berlin Liga mit schon 18 Teams  schwerer zu realisieren wäre,  als in der Oberliga mit nur 16 Mannschaften.

Drehen wir die Uhr  auf Anfang Januar zurück. Es wird bekannt, dass der Traditionsverein, indem Sie mittlerweile 60 Jahre aktiv sind und seit 2000 die Vereinsführung inne haben, in neue Hände, mit schnellen operativen Veränderungen, gelegt werden soll. Wie kam es zu dieser überraschenden Entscheidung ?

Es war schon länger geplant den Verein in andere Hände zu geben. 2020 sollte Schluss für mich sein. Schon vor zwei Jahren stand eine Übernahme im Raum, daraus wurde aber nichts. Der Kontakt zu unserem ehemaligen Trainer Abu Njie ist nie ganz verloren gegangen, obwohl das damals mit der Entlassung 2015 sehr unglücklich verlief. Er vermittelte uns den Kontakt mit dem Unternehmer Almir Numic, und erste Gespräche fanden statt. Was mir sofort gefallen hat, und was ich auch schon in den ersten Wochen der Zusammenarbeit erlebe, war die Fokussierung auf die Jugendarbeit. Mein größter Wunsch war es immer, dass Tasmania wieder in der Nachwuchsarbeit wahrgenommen wird. Das gilt nicht nur für die Leistungsmannschaften, wir brauchen auch die Breite. Dieses Ziel verfolgen die Neuen. Das hat mich am Ende überzeugt. Und erste Weichen wurden schnell gestellt. Jetzt habe ich ein richtig gutes Gefühl. Habe mich dann auch kurzfristig entschieden, entgegen ursprünglichen Überlegungen im Vorstand zu bleiben, mich ganz aus dem operativen Geschäft zu verabschieden.  

Bild: Mehmet Dedeoglu DEDEPRESS

Die Brüder Njie wurden nach Einigung im Eiltempo als verantwortliches Trainerteam für die Oberligamannschaft eingesetzt, obwohl Tim Jauer und Elvir Cocaj sehr gute Arbeit geleistet hatten. Warum musste das alles so schnell gehen ?

Ich hätte mir ein Weitermachen von Tim und Elvir bis zum Saisonende gewünscht. Beide haben Tasmania zum Berliner Meister 2019 gemacht, verbunden mit dem Aufstieg in die Oberliga. Einfach Wahnsinn. Es passte aber nicht ins Konzept der neuen Vereinsführung.

Oder hat die Gegenseite daran gezweifelt Jauer und Cocaj könnten die Oberliga, angesichts der ungünstigen Tabellensituation, nicht halten ?

Das war nie ein Gesprächsthema. Auch mit Tim und Elvir hätten wir es geschafft. Da bin ich mir sicher.

Die Kurve zeigt nach dem Trainerwechsel deutlich nach oben. Wir von TDBir prognostizieren, wenn es überhaupt noch weiter geht, einen einstelligen Tabellenplatz. Wie lässt sich die Leistungssteigerung gegenüber den letzten Spielen der Hinrunde, vor allen Dingen nach der desaströsen 5:1 Heimpleite gegen Hertha 06,  erklären ?

Obwohl wir mit Romario Hartwig unseren Knipser verloren haben, konnten wir uns konstruktiv mit Sentürk, Wedemann und Aydin verstärken. Und wir trainieren vier Mal die Woche. Das war vorher zeitlich nicht möglich. Macht aber in der Oberliga sehr viel aus. Ich kenne Abu ja schon sehr lange, er ist genau wie Tim, eine starke  Trainerpersönlichkeit. Ich mache mir null Sorgen um die Zukunft des Oberligateams.

Sie gelten als einer der ganz Erfahrenen im Berliner Fußball. Und Sie haben die Entwicklung im Fußball der vergangenen Jahre erlebt. Überspitzt ausgedrückt: Viele übergewichtige Kinder kicken nicht mehr auf dem Bolzplatz, sondern zocken lieber an der PS4. Mit dem Fahrrad schaffen es die Kids nicht mal mehr zum Sportplatz. Mama fährt Sie stattdessen mit dem SUW an die Eingangspforte. Und die neue Vereinsführung setzt ihre Hoffnungen wirklich in die Jugendarbeit ?

Ich muss Ihnen leider recht geben. Das wird eine große Herausforderung für die Verantwortlichen. Auch die Konkurrenzsituation in Berlin ist erdrückend. Meine Hoffnung liegt aber in der Entschlossenheit der Designierten die Probleme anzupacken. Nicht Jammern, sondern Handeln spürt man seit Wochen. Diesen Lauf braucht es, das spricht sich dann schnell in Berlin herum. Warum Kilometer weit fahren, wenn in der Nähe sehr gute Jugendarbeit geleistet wird. Ich bin sehr guter Dinge, dass sich da etwas entwickelt.

Welche Liga trauen Sie ihren tasmanischen Teufeln zukünftig zu ?

Wir sind gut in der Oberliga aufgehoben. In ein paar Jahren kann man vielleicht an die Regionalliga  denken. Dafür muss aber die Infrastruktur angepasst werden. Und das kostet sehr viel Geld. Die Ämter wollen sich finanziell raus halten. Es sind erhebliche Baumaßnahmen notwendig. ich wünsche mir die trotzdem. Der  Werner-Seelenbinder-Sportpark sollte auch in höheren Klassen die Heimstätte bleiben. Und dazu gehört natürlich auch ein schickes Vereinscasino. 

Im letzten Heimspiel gegen den MSV Pampow haben Sie als verantwortlicher Präsident Spieler und Trainer verabschiedet. Bald sagen Sie Adieu. Kommt langsam Wehmut auf ?

Darüber habe ich schon nachgedacht. Ich bin 60 Jahre in diesem Verein, und seit 2000 verantwortlich für den SV Tasmania. Wir haben mit der B-Jugend in der Bundesliga gespielt, 2013 und 2014 wurden wir mit den Herren Berliner Vizepokalsieger. Und im letzten Jahr Berliner Meister.  Abschied zu nehmen wird mir an diesem Tag sehr schwer fallen. Aber ich werde es überstehen. Aus dem Augen aus dem Sinn gilt dann aber nicht. Diesem Verein werde ich immer die Treue halten. Er gehört zu meinem Leben

Viel Erfolg für die Zukunft, Herr Wilde.

Danke schön.

Das Gespräch mit dem Vorsitzenden vom SV Tasmania Berlin führte Frank Arlinghaus

 

 

 

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